Mit Wirtschaftsfachwirt ohne Abitur studieren: So geht es
Ja, mit dem Wirtschaftsfachwirt kannst du in Deutschland auch ohne Abitur studieren. Die rechtliche Grundlage ist der Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2009 zum Hochschulzugang beruflich Qualifizierter, der in den Hochschulgesetzen aller Bundesländer umgesetzt wurde. Der Wirtschaftsfachwirt zählt als Meisterprüfung oder gleichwertiger Fortbildungsabschluss und berechtigt damit zum Hochschulzugang. Die Details unterscheiden sich nach Bundesland, aber das Grundprinzip gilt bundesweit.
Die zwei Zugangsformen
| Zugangsform | Was du damit studieren kannst | Zusätzliche Anforderung |
|---|---|---|
| Fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung | Wirtschaftsfächer wie BWL, VWL, Management, Wirtschaftsrecht | Keine, mit bestandenem WFW automatisch |
| Allgemeine Hochschulzugangsberechtigung | Jedes Fach an jeder Hochschule | In den meisten Bundesländern Beratungsgespräch oder Probestudium |
Der fachgebundene Zugang öffnet dir automatisch die Tür zu allen Studiengängen, die inhaltlich zu deinem WFW passen. Für den allgemeinen Zugang, also für völlig fremde Fächer wie Medizin, Jura oder Psychologie, brauchst du in den meisten Bundesländern zusätzlich eine Beratung oder ein Probestudium von ein bis zwei Semestern.
Wie das bundesweit geregelt ist
Der KMK-Beschluss von 2009 legt fest, dass Fortbildungsabschlüsse auf DQR-Niveau 6 den Zugang zur Hochschule öffnen. Der Wirtschaftsfachwirt gehört zu diesen Abschlüssen. Jedes Bundesland hat den Beschluss in sein Landeshochschulgesetz übernommen, aber mit unterschiedlichen Durchführungsverordnungen:
- Bayern: Art. 45 BayHSchG regelt den Zugang beruflich Qualifizierter. Fachgebundener Zugang direkt, allgemeiner Zugang nach erfolgreichem Beratungsgespräch und Probestudium.
- Baden-Württemberg: Paragraph 58 LHG erlaubt den Zugang für Meister und gleichwertige Fortbildungsabschlüsse.
- Nordrhein-Westfalen: Paragraph 49 HG NRW regelt den Zugang für beruflich Qualifizierte mit Prüfungsgespräch.
- Hessen: Paragraph 54 HHG mit Probestudium und möglicher Feststellungsprüfung.
Die Details sind komplex und ändern sich gelegentlich. Für deine konkrete Zielhochschule ist die Studienberatung die beste Anlaufstelle. Das Portal studieren-ohne-abitur.de bietet zudem eine gut gepflegte Übersicht aller bundesweiten Regelungen.
Was du formal brauchst
Um dich mit dem WFW ohne Abitur an einer Hochschule zu bewerben, brauchst du:
- Die Urkunde über die bestandene Fortbildungsprüfung der IHK.
- Das Zeugnis mit den Einzelnoten.
- Gegebenenfalls Berufserfahrungs-Nachweise (Arbeitszeugnisse), falls die Hochschule das verlangt.
- Die Europass-Zeugnisergänzung mit DQR-6-Einstufung.
- Je nach Bundesland und Hochschule: ein Motivationsschreiben oder eine kurze Erklärung zum Studienwunsch.
Einige Hochschulen verlangen zusätzlich einen Nachweis, dass du im gewünschten Studiengang fachnahe Berufserfahrung hast. Für ein BWL-Studium nach WFW ist das selten ein Thema, für einen Wechsel in ein fachfremdes Gebiet kann es Hürden geben.
Der Ablauf von der Idee bis zur Einschreibung
- Zielhochschule und Studiengang identifizieren. Welche Hochschule passt geografisch und inhaltlich? Welche Studienform (Präsenz, Fern, dual)?
- Studienberatung kontaktieren. Fast alle Hochschulen haben eine Beratung für beruflich qualifizierte Studieninteressierte. Termin buchen, Unterlagen besprechen.
- Bewerbungsunterlagen zusammenstellen. Zeugnis, Urkunde, ggf. Arbeitszeugnisse und Motivationsschreiben.
- Gegebenenfalls Beratungsgespräch oder Eignungsprüfung absolvieren. Das ist meist kein Test, sondern ein Gespräch über deine Ziele und den Studiengang.
- Bewerbung einreichen. In der Regel online über das Portal der Hochschule.
- Zulassungsbescheid abwarten. Bei NC-Studiengängen (zulassungsbeschränkt) kann es länger dauern. Wirtschaftsfachwirte zählen in der Quote für beruflich Qualifizierte, meist 5 bis 10 Prozent der Studienplätze.
- Einschreiben und Semesterbeitrag zahlen.
In meiner Beratungspraxis sehe ich oft, dass Absolventen den Prozess aufschieben, weil er kompliziert erscheint. Real ist der Aufwand überschaubar: zwei bis drei Stunden Recherche, ein Beratungstermin, ein bis zwei Stunden Unterlagen zusammenstellen. Machbar.
Anrechnung deines WFW auf das Studium
Viele Hochschulen rechnen dir den Wirtschaftsfachwirt auf ein Bachelor-Studium an, oft zwischen 20 und 60 ECTS. Das verkürzt deine Studienzeit um ein bis zwei Semester. Die genaue Anrechnung hängt ab von:
- Studienordnung der Hochschule: einige haben klare Anrechnungstabellen, andere entscheiden im Einzelfall.
- Überschneidung des WFW-Lehrplans mit dem Studienplan: bei BWL-Studiengängen hoch, bei Wirtschaftsrecht mittel, bei VWL eher gering.
- Bereits erbrachten Leistungsnachweisen: wenn du schon einzelne Hochschulzertifikate hast, kann zusätzlich angerechnet werden.
Informiere dich direkt beim Studiengangleiter, nicht nur im Sekretariat. Die konkrete Anrechnung entscheidet oft der fachlich zuständige Professor.
Berufsbegleitend oder Vollzeit: was passt?
Die meisten Wirtschaftsfachwirte, die nach dem Abschluss studieren, machen das berufsbegleitend. Sinnvolle Formate:
- Fernstudium an der Fernuniversität Hagen, IU Internationale Hochschule, oder SRH Fernhochschule
- Abend- und Wochenendstudium an regionalen Fachhochschulen
- Blockveranstaltungs-Studium mit ein bis zwei Wochen Präsenz pro Semester
- Duales Studium nur bei Neu-Einstieg in einen dualen Ausbildungsbetrieb (eher selten nach WFW)
Wer hauptberuflich bleibt und nebenbei studiert, rechnet mit sechs bis acht Semestern für einen Bachelor. Vollzeit-Studium ist selten die richtige Wahl, es sei denn du planst eine längere berufliche Pause oder hast familiäre Gründe.
Kosten und Finanzierung
Ein staatliches Präsenzstudium kostet nur Semesterbeiträge von 300 bis 500 Euro. Ein Fernstudium an der FernUni Hagen liegt bei etwa 2.000 Euro Gesamtkosten, an privaten Fernhochschulen zwischen 8.000 und 15.000 Euro. Private Fachhochschulen mit Präsenz kosten 10.000 bis 20.000 Euro für den Bachelor.
Finanzierungsoptionen:
- Studien-BAföG bei entsprechendem Einkommen
- Bildungskredit der KfW bis 7.200 Euro zinsgünstig
- Arbeitgeber-Übernahme wenn der Studiengang zur Tätigkeit passt
- Bildungsurlaub für Prüfungsvorbereitung, je nach Bundesland 5-10 Tage pro Jahr
- Stipendien wie das Aufstiegsstipendium der Stiftung Begabtenförderung berufliche Bildung
Mehr zur Finanzierung findest du im Silo Kosten und Förderung.
Lohnt sich das Studium nach dem WFW?
Das ist keine pauschale Frage. In meiner Beratungspraxis sehe ich zwei typische Muster:
Es lohnt sich, wenn du in eine formale Rolle willst, die einen Hochschulabschluss verlangt (Konzern-Referent, öffentlicher Dienst in bestimmten Laufbahnen, internationale Karriere).
Es lohnt sich weniger, wenn du im Mittelstand arbeitest, wo Praxis mehr zählt als Titel, oder wenn du schon eine gute Position hast und nur “mehr Prestige” suchst.
Der Wirtschaftsfachwirt ist in sich ein vollwertiger Abschluss auf Bachelor-Stufe. Ein zusätzliches Studium macht Sinn, wenn du eine konkrete Tür damit öffnen willst. Mehr dazu in unserem Artikel zum Hochschulstudium mit Wirtschaftsfachwirt.
FAQ
Brauche ich für das Studium Berufserfahrung nach dem WFW?
Für den fachgebundenen Zugang meist nicht. Für den allgemeinen Zugang fordern einige Bundesländer zusätzlich zwei bis drei Jahre Berufserfahrung, andere nicht.
Kann ich an einer Universität studieren oder nur an Fachhochschulen?
Beides geht. Universitäten sind seltener offen für beruflich Qualifizierte, aber der Zugang ist rechtlich möglich. Fachhochschulen haben meist etablierte Verfahren und nehmen regelmäßig Wirtschaftsfachwirte auf.
Wird der WFW automatisch auf den Bachelor angerechnet?
Nein. Die Anrechnung ist eine individuelle Entscheidung der Hochschule. In der Praxis werden 20 bis 60 ECTS angerechnet, manche Hochschulen sogar mehr.
Was ist ein Probestudium?
In einigen Bundesländern ein bis zwei Semester, in denen du regulär studierst und deine Studierfähigkeit unter Beweis stellst. Nach erfolgreichen Probestudium wirst du regulär immatrikuliert.
Kann ich Medizin oder Jura mit dem WFW studieren?
Rechtlich ja, wenn du den allgemeinen Hochschulzugang erwirbst. Praktisch schwierig, weil diese Fächer NC-Grenzen haben und die Quote für beruflich Qualifizierte klein ist. Für fachfremde Studiengänge ist der Weg anstrengend, aber nicht unmöglich.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger aus Bayreuth. Promovierter Naturwissenschaftler mit über zehn Jahren Erfahrung in Bildung und Digitalisierung. Er begleitet seit Jahren Berufstätige auf dem Weg zum Wirtschaftsfachwirt und berät zu Aufstiegs-BAföG und IHK-Prüfungsvorbereitung.
Zuletzt geprüft am 23. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.
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