Zum Inhalt springen
Wirtschaftsfachwirt berufsbegleitend

Wirtschaftsfachwirt vs Meisterprüfung: für wen was?

· 7 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Schreibtisch mit Meisterunterlagen links und Wirtschaftsfachwirt-Unterlagen rechts

Wirtschaftsfachwirt und Meisterprüfung sind beide Aufstiegsfortbildungen auf DQR-Niveau 6, sprechen aber unterschiedliche Zielgruppen an. Der Wirtschaftsfachwirt ist für kaufmännisch Ausgebildete und Berufspraktiker im kaufmännischen Bereich. Die Meisterprüfung ist für Menschen aus Handwerk, Industrie oder Landwirtschaft, die in ihrem Fachbereich aufsteigen wollen. Wer aus einem gewerblichen oder handwerklichen Beruf kommt, macht in der Regel den Meister. Wer kaufmännisch arbeitet, den Wirtschaftsfachwirt.

Was ist die Meisterprüfung formal?

Die Meisterprüfung ist eine öffentlich-rechtliche Prüfung nach dem Berufsbildungsgesetz oder der Handwerksordnung, je nach Meistertyp. Typen gibt es mehrere:

  • Handwerksmeister nach Anlage A oder B1 der Handwerksordnung (HwO)
  • Industriemeister nach BBiG, typischerweise mit Fachrichtungen wie Metall, Elektrotechnik, Mechatronik
  • Landwirtschaftsmeister, Hauswirtschaftsmeister und andere Fachrichtungen

Je nach Typ gelten unterschiedliche Prüfungsverordnungen. Die genauen Regelungen findest du bei der Handwerksordnung{:target=“_blank” rel=“noopener”} für Handwerksmeister oder in den jeweiligen fachspezifischen Verordnungen für Industrie- und andere Meister.

MerkmalWirtschaftsfachwirtMeister (Handwerk/Industrie)
DQR-Niveau66
Offizielle BezeichnungGeprüfter WirtschaftsfachwirtJe nach Typ: Handwerksmeister, Industriemeister etc.
PrüfungsträgerIHKHWK (Handwerk) oder IHK (Industrie, Landwirtschaft)
Typische HerkunftKfm. AusbildungHandwerkliche oder gewerbliche Ausbildung
InhaltKfm. Führung, BWL, RechtFachpraxis, Ausbildereignung, BWL, Recht
Kursdauer11 Monate berufsbegleitend12 bis 24 Monate berufsbegleitend

Wer sollte den Meister machen?

Der Meister ist die natürliche Aufstiegsstufe für Menschen aus Handwerk, Industrie oder Landwirtschaft. Wer nach der Gesellenprüfung mehrere Jahre praktisch gearbeitet hat und den nächsten Schritt gehen will, macht den Meister. Typische Gründe:

  • Du willst einen eigenen Handwerksbetrieb gründen oder übernehmen
  • Du willst in deinem Betrieb Meister werden und Verantwortung für Ausbildung übernehmen
  • Du willst als Industriemeister Produktionsteams führen
  • Du willst in deiner Branche als anerkannter Fachexperte arbeiten

In meiner Beratungspraxis sehe ich: Wer aus einem Handwerk kommt und den Wirtschaftsfachwirt machen will, hat meistens nicht verstanden, was er eigentlich sucht. Wer Friseurmeister oder Metallbaumeister werden will, hat mit dem Wirtschaftsfachwirt einen Umweg gewählt, der nicht zum Handwerk zurückführt. Der Meister ist in diesem Fall der richtige Weg.

Wer sollte den Wirtschaftsfachwirt machen?

Der Wirtschaftsfachwirt ist für Menschen im kaufmännischen Bereich. Typische Ausbildungen, die passen:

  • Kaufmann für Büromanagement
  • Industriekaufmann
  • Bankkaufmann
  • Versicherungskaufmann
  • Groß- und Außenhandelskaufmann
  • Tourismuskaufmann
  • Verwaltungsfachangestellter
  • Steuerfachangestellter

Oder drei Jahre kaufmännische Berufspraxis ohne Ausbildung, nach § 2 Abs. 1 Nr. 4 WFachwPrV. Wer in diesem Feld unterwegs ist und aufsteigen will, bleibt mit dem Wirtschaftsfachwirt nah an der eigenen beruflichen Identität.

Kann ich als Handwerker den Wirtschaftsfachwirt machen?

Technisch ja, wenn du die Zulassungsvoraussetzungen erfüllst. Praktisch oft nicht sinnvoll. Die Zulassungsregeln beim Wirtschaftsfachwirt lassen eine “andere anerkannte Ausbildung plus zwei Jahre Berufspraxis” zu. Ein Handwerker mit abgeschlossener Handwerksausbildung und zwei Jahren kaufmännischer Berufspraxis erfüllt diese Bedingung.

Aber: Wer als Handwerker plant, im Handwerk zu bleiben, lernt beim Wirtschaftsfachwirt Inhalte, die er im Alltag kaum nutzt. Der Meister wäre passender. Wer als Handwerker bewusst in den kaufmännischen Bereich wechseln will, zum Beispiel von der Werkstatt in die Kundenbetreuung oder in den kaufmännischen Vertrieb, kann den Wirtschaftsfachwirt als Brücke nutzen.

Welche Meisterprämien gelten für den Wirtschaftsfachwirt?

Wichtig: Der Begriff “Meisterprämie” ist verwirrend, weil nicht jede Meisterprämie auch für den Wirtschaftsfachwirt gilt. Viele Bundesländer fördern ausschließlich Handwerksmeister nach HwO Anlage A/B1. Nur acht Bundesländer fördern auch den Wirtschaftsfachwirt:

BundeslandPrämie für WFWHinweis
Hessen3.500 EURHessische Aufstiegsprämie
Bayern3.000 EURBayerischer Meisterbonus
Thüringen2.000 EURSeit 01.01.2026
Saarland2.000 EURVerdoppelt Anfang 2026
Rheinland-Pfalz2.000 EURAufstiegsbonus I
Hamburg1.300 EURSeit Jan 2025
Bremen1.300 EURGekürzt von 4.000 EUR
Sachsen-Anhalt1.000 EURMeisterbonus PLUS

Für Handwerksmeister gelten in weiteren Bundesländern zum Teil höhere Prämien. NRW zahlt 2.500 Euro ausschließlich für Handwerksmeister, Niedersachsen 4.000 Euro nur für Handwerksmeister. Wer diese Prämien haben will, muss den Meister machen, nicht den Wirtschaftsfachwirt.

Kosten und Förderung im Vergleich

Beide Abschlüsse sind über Aufstiegs-BAföG förderfähig. Kurskosten und Prüfungsgebühren variieren stark.

KostenpunktWirtschaftsfachwirtMeister Handwerk (Beispiel)
Kurskosten3.997 EUR5.000 bis 10.000 EUR je nach Gewerk
Prüfungsgebühr500 bis 800 EUR800 bis 2.000 EUR
Meisterstück/ProjektarbeitNicht anwendbar1.000 bis 3.000 EUR (Material)
Eigenanteil nach AFBG bei Bestehenrund 1.000 EURVariabel, oft 1.500 bis 3.000 EUR

Die Meisterprüfung im Handwerk ist meistens teurer, weil Meisterstücke und praktische Prüfungsteile Material- und Werkstattkosten verursachen. Dafür zahlt der Staat im Handwerk auch höhere Landesprämien für den Abschluss.

Karriere-Perspektiven im Vergleich

Der Wirtschaftsfachwirt öffnet typische Positionen im kaufmännischen Bereich: Teamleitung, Referent, Assistenz GF, Projektleitung. Mittelstand und öffentlicher Dienst erkennen den Titel gut an. Gehaltssprünge liegen bei 10 bis 20 Prozent intern, 15 bis 25 Prozent bei Arbeitgeberwechsel.

Der Meister öffnet Werkstatt- oder Betriebsleitung, Ausbildungsberechtigung, Selbstständigkeit im Handwerk. Bei Industriemeistern sind Produktionsleitungs- und Schichtleitungspositionen typisch. Gehaltssprünge sind ähnlich, aber die Berufsbilder unterscheiden sich grundlegend.

FAQ

Ist der Meister “mehr wert” als der Wirtschaftsfachwirt?

Nein. Beide sind auf DQR-Niveau 6, beide sind formal gleichwertig. Der praktische Wert hängt von der Branche ab. Im Handwerk wiegt der Meister klar mehr, im kaufmännischen Bereich der Wirtschaftsfachwirt.

Kann ich Meister und Wirtschaftsfachwirt hintereinander machen?

Ja, beide sind separate Abschlüsse. Ein Industriemeister mit dem Wunsch, später in die kaufmännische Führung zu wechseln, kann danach den Wirtschaftsfachwirt machen, oder umgekehrt einen Meister nach dem Wirtschaftsfachwirt, wenn die fachlichen Voraussetzungen stimmen.

Brauche ich für einen Handwerksbetrieb zwingend einen Meister?

Für zulassungspflichtige Handwerke nach Anlage A der HwO ist der Meister Pflicht, wenn du selbstständig tätig sein willst. Für zulassungsfreie Handwerke nach Anlage B2 ist der Meister nicht zwingend, aber oft sinnvoll.

Gilt die Meisterprämie auch für den Wirtschaftsfachwirt in meinem Bundesland?

Das hängt vom Bundesland ab. In Bayern, Hessen, Thüringen, Saarland, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Bremen und Sachsen-Anhalt ja. In NRW, Niedersachsen, Baden-Württemberg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein gilt die Prämie ausschließlich für Handwerksmeister nach HwO.

Welcher Abschluss ist einfacher?

Beide sind anspruchsvoll, aber auf unterschiedliche Weise. Der Wirtschaftsfachwirt verlangt tiefes BWL-Verständnis und mehrere schriftliche Klausuren. Der Meister verlangt meisterliche Fachpraxis, ein Meisterstück und umfangreiche betriebswirtschaftliche Kenntnisse. Was dir leichter fällt, hängt von deinem Lerntyp ab.

Fazit kurz

Wirtschaftsfachwirt und Meisterprüfung sind keine Alternativen für dieselbe Zielgruppe. Wer aus dem Handwerk oder der Industrie kommt, macht den Meister. Wer kaufmännisch arbeitet, den Wirtschaftsfachwirt. Wer genau zwischen beiden Welten steht (etwa Industriekaufmann in einem Produktionsbetrieb), kann sich beides überlegen, sollte aber die Frage “Wo will ich beruflich in fünf Jahren sein?” zuerst beantworten.

Das WFW-Eignungs-Quiz hilft dir bei der grundsätzlichen Einstiegsfrage. Für Grundlagen zum WFW siehe unsere Pillar zum Berufsbild. Weitere Vergleiche: WFW gegen Industriefachwirt, WFW gegen Technischer Fachwirt. Offizielle Informationen zur Handwerksordnung: gesetze-im-internet.de{:target=“_blank” rel=“noopener”}.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist promovierter Naturwissenschaftler und Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger. Er unterrichtet selbst im Wirtschaftsfachwirt-Kurs und berät Berufstätige seit über zehn Jahren bei Weiterbildungsentscheidungen.

Zuletzt geprüft am 23.04.2026 von Dr. Jens Aichinger.


Bereit für den nächsten Schritt?

Meister oder Wirtschaftsfachwirt? Zehn Minuten mit Jens helfen dir meistens, den richtigen Weg zu finden, auch wenn am Ende keiner der beiden passt.

Termin mit Jens buchen


Drei Tools für deine Entscheidung

WFW-Eignungs-Quiz in 3 Minuten: passt der Wirtschaftsfachwirt zu deiner Situation.

WFW-Gehaltsrechner auf skill-sprinters.de: welche Gehaltssteigerung ist in deiner Branche realistisch.

Oder direkt 10 Minuten mit Jens für den persönlichen Check.

Weiterlesen