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Wirtschaftsfachwirt berufsbegleitend

Die dritte Krise: warum fast jeder in Monat sechs aufgeben will

· 7 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Person sitzt nachdenklich am Schreibtisch, Kaffeebecher in der Hand, Buch halboffen

In Monat sechs des Wirtschaftsfachwirts passiert für viele Teilnehmer die tiefste Krise. Der Anfangselan ist weg, die Prüfung noch weit, jeder Lernblock wiegt zwei Tonnen. Viele denken in dieser Phase ernsthaft ans Aufhören. Wer die Krise versteht, übersteht sie leichter.

In meinen Kursen höre ich von Teilnehmern regelmäßig denselben Satz in dieser Phase: “Ich weiß nicht mehr, warum ich das mache.” Das ist nicht Schwäche. Das ist eine vorhersehbare Phase, die fast alle erleben. Die Frage ist, wie man damit umgeht.

Warum gerade Monat sechs

Der WFW läuft über elf Monate. Monat sechs ist fast genau in der Mitte. Mehrere Faktoren kommen zusammen:

Die Neuheit ist weg. In den ersten Monaten war das Lernen noch neu, die Materie frisch. Jetzt bist du in der Routine. Jede Woche dieselbe Struktur, jeden Dienstag dieselbe Zeit am Rechner. Der Gewöhnungseffekt macht den Alltag zäher.

Die Prüfung ist noch weit. Noch fünf Monate bis zur IHK-Prüfung. Zu weit, um Energie aus der Nähe zu ziehen. Zu nah, um entspannt zu sein. Du hängst im Zwischenraum.

Die ersten Erfolge sind abgenutzt. In den ersten Wochen war jedes neue Thema ein kleiner Erfolg. Jetzt ist Volumen der Alltag. Die Kurve der Lernfortschritte flacht sich ab (obwohl das real oft nicht so ist, es fühlt sich nur so an).

Die Belastungskonsequenzen summieren sich. Sechs Monate reduzierter Schlaf, reduzierte Familienzeit, reduzierte Hobbys. Das merkt man. Der Körper und die Seele melden sich.

Die typischen Symptome der dritten Krise

Fünf Symptome, an denen du die Phase erkennst:

Gleichgültigkeit gegenüber dem Kurs. Wo du früher gespannt im Unterricht warst, hörst du jetzt halbherzig zu. Die Mitschriften werden knapper. Hausaufgaben werden geschoben.

Schlecht schlafen, trotz Erschöpfung. Nachts wälzt sich der Kopf. Tagsüber bist du müde. Der Körper sendet Stress-Signale.

Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung. “Hätte ich das wirklich machen sollen?” “Brauche ich das überhaupt?” Gedanken, die in Monat zwei noch nicht da waren.

Reizbarkeit gegenüber Familie und Kollegen. Kleine Dinge nerven mehr als sonst. Du bist dünnhäutig.

Flucht in Alternativen. “Vielleicht sollte ich besser was ganz anderes machen.” Plötzlich werden andere Karrierepfade attraktiv, obwohl sie es vor sechs Monaten noch nicht waren.

Wenn du drei oder mehr dieser Symptome hast, bist du mitten in der dritten Krise. Das ist normal. Das geht vorbei.

Warum die Krise wichtig ist

So unangenehm die Phase ist: Sie hat eine Funktion. Sie zwingt dich, deine Entscheidung neu zu prüfen. Will ich das wirklich? Lohnt es sich?

Wer diese Fragen stellt und für sich gut beantworten kann, kommt gestärkt raus. Wer die Fragen nicht stellt und einfach stumpf weiterläuft, wird oft in Monat acht oder neun zusammenbrechen.

Die dritte Krise ist ein Test. Nicht ein Test deiner Disziplin, sondern deiner Motivation.

Was in dieser Phase hilft

Aus der Beratungspraxis fünf Maßnahmen, die funktionieren:

Rückblick auf den Anfang. Was waren deine Gründe, als du dich angemeldet hast? Schreib sie auf, wenn du sie nicht mehr greifbar hast. Vergleich sie mit deiner jetzigen Situation. Sind die Gründe noch da? Wenn ja: weitergehen. Wenn nein: ernsthaft neu entscheiden.

Zwischenziel setzen. Statt auf die ferne Prüfung zu schauen, setz dir ein konkretes Zwischenziel für die nächsten vier Wochen. Ein bestimmtes Kapitel durchgearbeitet, eine Probeklausur geschrieben, ein bestimmter Themenbereich verstanden. Etwas Greifbares, das in naher Zukunft erreichbar ist.

Reduzieren, nicht abbrechen. Wenn die Belastung zu hoch ist, reduziere die Wochen-Lernzeit auf das Minimum (10 bis 12 Stunden statt 16 bis 18) für zwei bis drei Wochen. Das ist besser als ein Abbruch. Du hältst den Anschluss, gibst dem Kopf aber Luft.

Eine Woche Auszeit. In der Mitte der elf Monate ist eine komplett lernfreie Woche legitim. Nicht urlauben, aber keine Lernblöcke. Kein schlechtes Gewissen. Nach sieben Tagen hast du Abstand und kannst klarer denken.

Mit anderen reden. Lerngruppe oder Mitlernende direkt ansprechen: “Ich stecke gerade fest, geht’s euch auch so?” In 80 Prozent der Fälle kommt: “Ja, voll.” Das normalisiert die Situation. Du bist nicht der Einzige.

Was nicht hilft

Sich zwingen, durchzuziehen ohne Reflexion. Blinde Disziplin in der Krise verschlimmert es. Der Kopf braucht das Gespräch mit sich selbst, nicht den Druck.

In Fluchtfantasien abrutschen. “Ich mach lieber was anderes, völlig ohne Zeitdruck.” Klingt tröstlich, ist aber eine typische Vermeidungsstrategie. In sechs Monaten stehst du wieder vor derselben Entscheidung, nur mit einem verlorenen Halbjahr.

Aufhören ohne durchdachte Entscheidung. Wer in der Krisenphase impulsiv absagt, bereut es oft. Wenn du abbrechen willst, gib dir mindestens zwei Wochen Bedenkzeit. Mit ruhigem Kopf sieht es oft anders aus. Details zum Thema Pause siehe WFW pausieren.

Sich in Selbstvorwürfe kippen. “Ich bin so undiszipliniert.” Hilft nicht. Die Krise ist normal, nicht persönliches Versagen.

Die Entscheidung: weitermachen oder aufhören?

Wenn du ernsthaft überlegst aufzuhören, stell dir vier Fragen:

  1. Warum habe ich angefangen? Sind die Gründe noch aktuell oder haben sie sich verändert?
  2. Was passiert, wenn ich weitermache? Prüfungserfolg, neue Rolle, Gehaltssteigerung. Welchen Wert hat das für mich?
  3. Was passiert, wenn ich aufhöre? Kein Abschluss, gezahlte Kurskosten weitgehend verloren, aber auch fünf Monate Freizeit gewonnen. Wie wiegt das gegenüber dem Gewinn?
  4. Bin ich gerade in der Krise oder in einer grundlegenden Wandlung? Die Krise geht vorbei. Eine wirkliche Lebensveränderung (neue Prioritäten, anderer Berufsweg) bleibt.

Wenn du die Fragen nüchtern beantworten kannst und weitermachen willst, dann los. Wenn du klar siehst, dass die Entscheidung falsch war, ist ein Abbruch legitim. Beides ist okay, wenn es durchdacht ist.

Was in Monat sieben passiert

Wer durch Monat sechs kommt, erlebt in Monat sieben oft eine zweite Welle. Die Energie kehrt zurück. Die Prüfung rückt näher, was Motivation gibt. Die Krise war temporär.

Viele Teilnehmer sagen mir rückblickend: “In Monat sechs wollte ich wirklich aufhören. In Monat acht war ich froh, dass ich durchgehalten habe.” Das ist der typische Verlauf.

Wann professionelle Hilfe sinnvoll ist

Wenn die Krise länger als vier bis sechs Wochen anhält und sich zu einer ernsthaften Niedergeschlagenheit entwickelt, ist das kein normaler Durchhänger mehr. Signale:

  • Anhaltende Freudlosigkeit, auch außerhalb des Lernens
  • Schlafstörungen, die nicht weggehen
  • Rückzug von allen sozialen Kontakten
  • Gedanken, sich selbst etwas anzutun
  • Suchtverhalten als Bewältigungsstrategie

In diesen Fällen ist der Hausarzt oder Psychotherapeut der richtige Ansprechpartner. Nicht erst nach drei Monaten. Mehr dazu im Artikel Burnout-Warnsignale.

Die Aussicht auf den Abschluss

In den verbleibenden fünf Monaten kommt die Zielgerade. Die Prüfungsphase, die letzten acht Wochen, sind anstrengend, aber fokussiert. Die meisten Teilnehmer berichten, dass sie in dieser Phase überraschend viel Energie haben, weil der Abschluss greifbar wird.

Du hast über sechs Monate investiert. Das ist bereits mehr als die meisten Menschen in ihrem Leben an Weiterbildung machen. Abzubrechen wäre, das Kapital zu vernichten. Weiterzumachen heißt, das Kapital zur Rendite zu führen.

Erste Schritte aus der Krise

Wenn du gerade in der Phase bist:

  1. Schreib auf, warum du angefangen hast. Nur drei Sätze.
  2. Schreib auf, was sich seitdem verändert hat.
  3. Reduziere deine Wochen-Lernzeit für zwei Wochen auf das Minimum.
  4. Plan für Monat sieben: Ein konkretes Zwischenziel, das in vier Wochen erreichbar ist.
  5. Sprich mit mindestens einer Person über die Krise. Partner, Freund, Lerngruppe.

Danach: Weitermachen oder begründet entscheiden, nicht zu machen. Beides ist in Ordnung, nur nicht unreflektiert fortführen.

Für den Gesamtüberblick siehe WFW Wochenstunden und Wirtschaftsfachwirt im Detail. Wenn du neu über die Entscheidung nachdenken willst, mach das WFW-Eignungs-Quiz.

Häufige Fragen

Kommt die Krise bei jedem?

Fast bei jedem, zumindest in Abstufungen. Manche erleben sie heftiger, manche milder. Manche verschiebt sie sich von Monat sechs auf Monat vier oder Monat sieben. Aber eine Mitte-des-Kurses-Phase mit Zweifeln kennen fast alle.

Ist das ein Zeichen, dass ich nicht für den WFW geeignet bin?

Nein. Es ist ein Zeichen, dass du ein Mensch bist. Menschen haben Energietiefs bei langen Projekten. Wer mit Unklarheiten umgehen kann, ist weiter, als er denkt.

Was, wenn ich die Krise nicht wahrnehme und einfach weiterlerne?

Manche Teilnehmer durchlaufen die Phase, ohne viel darüber nachzudenken. Das geht, wenn das emotionale Gerüst stabil ist. Bei anderen staut sich der Druck, und in Monat neun oder zehn kommt der Zusammenbruch. Wer die Krise erkennt und anspricht, schützt sich meist vor späteren Problemen.

Helfen Motivationsbücher oder -videos?

Manche finden das hilfreich, die meisten nicht. Motivations-Content ist oft zu allgemein, um für deine spezifische Situation greifbar zu sein. Besser: ein konkretes Gespräch mit einer Person, die deine Situation kennt.

Wie unterscheide ich normale Krise von Burnout?

Die normale Krise geht nach zwei bis vier Wochen vorbei, wenn du etwas änderst (Entlastung, Reflexion, Gespräche). Burnout bleibt und verschlimmert sich. Wenn du nach einem Monat kein bisschen besser drauf bist, ist der Hausarzt gefragt. Details in Burnout-Warnsignale.

Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger nach AZAV. Promovierter Naturwissenschaftler mit über zehn Jahren Erfahrung in beruflicher Bildung und Digitalisierung. Mehr dazu auf der Seite Über den Autor.

Zuletzt geprüft am 23.04.2026 von Dr. Jens Aichinger.

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Autoritative Quellen:


Drei Tools für deine Entscheidung

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