Lerngruppe aufbauen, die wirklich etwas bringt
Eine gute Lerngruppe für den Wirtschaftsfachwirt bringt zwei Dinge: Kontrolle der eigenen Wissenslücken und Motivation in schwachen Wochen. Drei bis fünf Teilnehmer, feste Termine, klare Themen. Alles andere wird zur Zeitverschwendung.
In meinen Kursen sehe ich regelmäßig, dass Teilnehmer Lerngruppen gründen, die nach drei Wochen einschlafen. Grund ist fast immer derselbe: zu groß, zu wenig Struktur, zu wenig Verbindlichkeit. Die Lerngruppen, die funktionieren, haben eines gemeinsam: Sie sind klein und behandeln jede Woche ein konkretes Thema.
Warum eine Lerngruppe überhaupt
Drei Vorteile, die der alleinige Lernende nicht hat:
Externe Kontrolle. In der Gruppe musst du vorbereiten. Wenn du sagst “Ich erkläre Thema X”, kannst du nicht mehr unterlassen. Der Druck der Gruppe ist manchmal stärker als dein innerer Antrieb.
Perspektivwechsel. Wenn drei Leute dasselbe Thema vorbereiten, kommen sie auf drei verschiedene Gedankenpfade. In der Diskussion merkst du, wo dein Verständnis Lücken hat. Das siehst du allein nicht.
Motivation in der Durststrecke. In Monat drei bis fünf, wenn die Kraft nachlässt, hilft der Blick auf andere, die dasselbe durchmachen. Es normalisiert die Krise. Alle kämpfen, du bist nicht allein.
Die richtige Größe
| Gruppengröße | Einschätzung |
|---|---|
| 2 Personen | Funktioniert, wenn beide zuverlässig sind. Risiko: Wenn einer ausfällt, ist die Gruppe weg. |
| 3 bis 4 Personen | Optimum. Genug Vielfalt, aber überschaubar. Jeder hat genug Redezeit. |
| 5 Personen | Geht noch, aber Koordination wird schwieriger. Ein Mitglied fällt oft auseinander. |
| 6 und mehr | Zu groß. Diskussionen bleiben oberflächlich, einzelne verstecken sich. |
Die ideale Gruppe hat drei bis vier Leute. Idealerweise solche, die auch außerhalb des Kurses Kontakt haben, damit die Gruppe trägt.
Wie du die richtigen Leute findest
Drei Quellen aus der Praxis:
Der eigene Kurs. Nach zwei bis drei Wochen Unterricht erkennst du, wer engagiert mitmacht. Sprich Mitlernende an, deren Beiträge du gut findest. In Online-Kursen passiert das oft in den Pausen oder in der Chat-Gruppe des Kurses.
Kollegen aus dem Betrieb. Wenn in deinem Unternehmen mehrere Mitarbeiter den WFW machen (selten, aber kommt vor), ist die natürliche Lerngruppe schnell zusammen. Vorteil: Man trifft sich sowieso.
WhatsApp oder Telegram-Gruppen. Viele Anbieter haben Chat-Kanäle für den Jahrgang. Dort kannst du fragen, wer Interesse an einer Lerngruppe hat. Auswahl dann nach Antwortverhalten: Wer schnell, freundlich und konkret antwortet, ist meist ein guter Kandidat.
Wichtiges Kriterium: Verbindlichkeit. Wenn jemand schon bei der Absprache unklar bleibt, wird es in der Gruppe nicht besser.
Wie oft und wie lange
Häufigkeit: Einmal pro Woche ist genug. Zwischen den Treffen muss jeder Zeit haben, sein Thema vorzubereiten.
Dauer: 90 bis 120 Minuten. Länger ist meist nicht sinnvoll, weil Konzentration abnimmt.
Zeitpunkt: Nach dem Unterricht am Dienstag oder Donnerstag funktioniert schlecht (alle sind zu müde). Besser: Mittwochabend, Samstagvormittag nach dem eigenen Lernblock, oder Sonntagnachmittag.
Format: Online per Zoom oder ähnlich. Präsenztreffen sind schön, aber selten machbar bei berufstätigen Teilnehmern aus verschiedenen Städten.
Die Struktur eines Treffens
Ein produktives Treffen hat eine klare Struktur:
Phase 1: Update (10 Minuten). Jeder berichtet kurz: Was habe ich diese Woche gemacht, wo hänge ich, was war schwer?
Phase 2: Thema der Woche (60 Minuten). Ein Mitglied hat ein Thema vorbereitet und erklärt es den anderen. Die anderen stellen Fragen und bringen Ergänzungen.
Phase 3: Übungsaufgaben (20 Minuten). Gemeinsam eine oder zwei Aufgaben aus dem Thema rechnen. Austausch über verschiedene Lösungswege.
Phase 4: Abschluss (10 Minuten). Wer macht nächste Woche das Thema? Welche Aufgaben machen wir bis dahin?
Das ist die Struktur, die in meiner Beratungspraxis von vielen Lerngruppen übernommen wurde. Abweichungen sind okay, aber ohne Struktur verliert man sich in Geplauder.
Themenvergabe
Die Themenvergabe ist der kritischste Punkt. Wer entscheidet, was diese Woche besprochen wird?
Vorschlag 1: An den Unterrichtsstoff koppeln. Was diese Woche im Kurs gelaufen ist, wird Thema der Lerngruppe. Vorteil: Frische Inhalte, nah am Kurs. Nachteil: Wenig Wiederholung älterer Themen.
Vorschlag 2: Rotationsprinzip. Jeder bringt sein Thema aus dem Bereich, in dem er stark ist. Dann lernen alle von den Stärken des anderen. Vorteil: Tiefe. Nachteil: Manche Themen werden nie abgedeckt.
Vorschlag 3: Kombination. Zwei Drittel der Treffen gehen um den aktuellen Unterrichtsstoff, ein Drittel um ältere Themen zur Wiederholung. Das funktioniert für die meisten Gruppen am besten.
Was in der Gruppe nicht passieren sollte
Keine Klagen-Runden. Wenn jedes Treffen mit zehn Minuten “Ich bin so erschöpft” und “Mein Chef ist furchtbar” beginnt, frustriert das alle. Kurzes Update ja, Klagen nein. Gruppe ist zum Lernen, nicht zum Therapieren.
Keine Ablenkungen durch Social-Media-Tratsch. Handys weg. Wer im Meeting auf Instagram scrollt, ist nicht bei der Sache und ansteckt andere.
Kein fauler Kompromiss. Wenn ein Mitglied regelmäßig nicht vorbereitet kommt, ist das Trittbrettfahren. Die anderen liefern, er konsumiert. Das muss angesprochen werden, sonst kippt die Gruppe.
Keine Detailfanatismus-Diskussionen. Manchmal hängt die Gruppe 30 Minuten an einer Formel fest, weil zwei sich nicht einig sind. Wenn das Thema nicht klärbar ist, markieren und in der nächsten Stunde den Dozenten fragen.
Wenn die Gruppe nicht funktioniert
Zwei typische Szenarien:
Mitglied fällt dauerhaft aus. Wenn jemand über drei Wochen nicht kommt oder schlecht vorbereitet ist, ansprechen. “Wir haben gemerkt, dass es in letzter Zeit schwer für dich ist. Wie willst du weitermachen?” Wenn es so bleibt, ohne Lösung: Mitglied aus der Gruppe verabschieden. Die Gruppe hat Priorität.
Die Gruppe wird zur reinen Plauderrunde. Wenn nach drei Treffen mehr Smalltalk als Lernen passiert, ist die Gruppe entkernt. Zeit für ein klares Gespräch: “Lasst uns neu festlegen, warum wir uns treffen, und wie wir das zurück in Richtung Lernen bringen.” Wenn das nicht hilft, Gruppe auflösen und neue gründen.
Wenn du lieber alleine lernst
Nicht jeder lernt gut in Gruppen. Manche Teilnehmer machen den WFW komplett alleine, mit Notizen, Lehrbüchern und Übungsaufgaben. Das funktioniert, wenn:
- Du hohe Selbstmotivation hast
- Du systematisch arbeitest
- Du regelmäßig selbst prüfst, wo deine Lücken sind
- Du Fragen in der Unterrichtsstunde selbst stellen kannst
Wer sich als Einzelkämpfer kennt, soll nicht zwanghaft in eine Gruppe. Besser allein durchziehen als mit einer schlechten Gruppe Zeit verlieren.
Was aber auch allein wichtig ist: Mindestens eine Bezugsperson, mit der du einmal pro Monat offen über den Stand sprichst. Partner, Freund, Kollege. Jemand, dem du sagen kannst, wenn du in einer Krise steckst. Mehr dazu im Artikel Burnout-Warnsignale.
Erste Schritte
Wenn du eine Lerngruppe gründen willst, mach in den ersten drei bis vier Kurswochen folgendes:
- Merk dir in den Unterrichtsstunden, wer engagiert mitdenkt
- Sprich zwei oder drei Mitlernende direkt an: “Hättest du Interesse an einer Lerngruppe?”
- Schlag ein erstes Treffen vor, Zeit und Plattform konkret
- Beim ersten Treffen gemeinsam Struktur festlegen (Termin, Dauer, Rhythmus)
- Nach drei Treffen ehrlich evaluieren: Bringt es was? Bleiben alle dabei?
Mach das WFW-Eignungs-Quiz, um deine Gesamtsituation einzuschätzen. Für den Lernplan siehe Lernplan Wochenstruktur. Für den Gesamtüberblick Wirtschaftsfachwirt im Detail.
Häufige Fragen
Was, wenn in meinem Kurs keine passenden Leute sind?
Dann kannst du über WhatsApp-Gruppen des Jahrgangs oder über Online-Foren Lerngruppen suchen. Die sind dann vielleicht nicht aus demselben Kurs, aber mit demselben Lehrstoff. Das funktioniert ähnlich gut.
Ist eine reine Online-Gruppe gleich gut wie Präsenz?
Fast. Online ist flexibler und für berufstätige Erwachsene realistischer. Nur bei schwierigen Themen oder beim gemeinsamen Lösen komplexer Aufgaben ist Präsenz manchmal besser. Für den WFW ist Online meistens ausreichend.
Soll ich Geld für eine professionelle Lerngruppe ausgeben?
Nein. Bezahlte “Lerngemeinschaften” von externen Anbietern sind in der Regel nicht mehr als ein teures Extra. Die Wirkung einer Lerngruppe kommt von der Verbindlichkeit der Teilnehmer, nicht von einem bezahlten Moderator.
Wie lange sollte eine Lerngruppe laufen?
Idealerweise die kompletten elf Monate. In der Praxis werden Gruppen oft mit dem Einstieg in die Prüfungsphase intensiver oder lockern sich, weil jeder anders lernt. Das ist okay. Die ersten acht bis neun Monate sind der Kern.
Was mache ich, wenn ein Mitglied immer nur nimmt, aber nichts gibt?
Direkt ansprechen. Nicht hinter dem Rücken, sondern offen in einem Treffen: “Wir haben den Eindruck, dass du selten Themen vorbereitest. Lass uns reden, wie das passt.” Wenn keine Besserung eintritt, freundlich die Zusammenarbeit beenden. Eine ungleiche Gruppe ist schlimmer als keine.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger nach AZAV. Promovierter Naturwissenschaftler mit über zehn Jahren Erfahrung in beruflicher Bildung und Digitalisierung. Mehr dazu auf der Seite Über den Autor.
Zuletzt geprüft am 23.04.2026 von Dr. Jens Aichinger.
Bereit für den nächsten Schritt?
Du willst wissen, ob eine Lerngruppe für dich der richtige Hebel ist? Mach das WFW-Eignungs-Quiz.
Autoritative Quellen:
- DIHK: Fortbildungsprüfungen nach BBiG (externer Link, follow)
- Bundesagentur für Arbeit: Weiterbildung (externer Link, follow)
Drei Tools für deine Entscheidung
WFW-Eignungs-Quiz in 3 Minuten: passt der Wirtschaftsfachwirt zu deiner Situation.
WFW-Gehaltsrechner auf skill-sprinters.de: welche Gehaltssteigerung ist in deiner Branche realistisch.
Oder direkt 10 Minuten mit Jens für den persönlichen Check.
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